07.06.2019

So gefährlich leben Österreichs Fußgänger

(kunid) Mehr als eine halbe Million Menschen verlieren jährlich weltweit ihr Leben zu Fuß im Straßenverkehr. Aktuelle Zahlen zeigen, dass jedes zweite Unfallopfer im Fußverkehr über 65 Jahre alt ist. Die Smartphone-Nutzung zu Fuß – man spricht hier auch von „Smombies“ – erhöht das Unfallrisiko signifikant. Neue Mobilitätstrends machen Fußgängern zusätzlich das Leben schwer, eine umfassende Strategie für den Fußverkehr sei „dringend notwendig“, fordern Mobilitätsexperten.

Hierzulande verunglückten im Vorjahr fast 4.000 Fußgänger, davon 47 Personen tödlich. Eine besondere Gefahr besteht für Senioren, wie eine aktuelle Verkehrssicherheitsstudie des Allianz Zentrums für Technik zeigt: Die Hälfte aller Fußgänger, die im Verkehr zu Schaden kommen, ist über 65 Jahre alt.

Die Risiken erhöhen sich bei Dämmerung und in der Nacht, speziell in den lichtschwachen Wintermonaten.

Eine erhebliche Rolle spielt bei Fußgängern Ablenkung, vor allem durch das Smartphone: „Als ‚Smombie‘ ist man durch den ständigen Blick auf das Smartphone im Straßenverkehr besonders gefährdet“, kommentiert Allianz Vorstandsmitglied Xaver Wölfl.

Die Studie wurde vom Allianz Zentrum für Technik in Zusammenarbeit mit der Hochschule Berlin, der Hochschule München und MAKAM Research durchgeführt.

Österreichs Fußgänger leben gefährlich

Die Österreicher gehen seltener zu Fuß als die Deutschen oder Schweizer, dennoch verunglücken in Relation zur Einwohnerzahl mehr Fußgänger als in den beiden Nachbarländern.

Die Verkehrssicherheit im Allgemeinen hat sich in den vergangenen Jahren verbessert, für den Fußverkehr gilt dies nur bedingt: Zwar ging die Zahl der verunfallten Fußgänger in Österreich im langjährigen Vergleich zurück, der Anteil der getöteten Fußgänger an der Gesamtzahl der Verkehrstoten blieb allerdings annähernd gleich.

Zudem kam es zu einer Verlagerung des Unfallgeschehens auf das Zweirad: Neue Mobilitätsformen, wie E-Scooter oder Pedelecs, werden immer beliebter. Aufgrund der unterschiedlichen Geschwindigkeit und ihres Gewichts sind sie aber eine Gefahr für den Fußverkehr.

Gefährliche Dunkelheit

Besonders gefährdet sind Fußgänger innerorts: 67 % der Unfälle, bei denen Fußgänger tödliche Verletzungen erleiden, passieren in Österreich im Orts- oder Stadtgebiet.

Der Großteil der tödlichen Unfälle ereignet sich bei Dämmerung oder in der Nacht, der Rest bei Tageslicht.

Gerade nächtliches Fahren verleitet zu weniger Aufmerksamkeit am Steuer. Alkohol, Müdigkeit, Regelverstöße sind nachts deutlich häufiger und bedeuten mehr Gefahr für Fußgänger.

Fußgängerunfälle treten außerdem in der dunkleren Jahreszeit öfter auf, also in den Monaten Oktober bis März.

Unterschätzte Gefahren

Laut Allianz Daten ereignet sich jeder sechste Fußgängerunfall in einer Parkzone, fast ein Viertel der Unfälle wird durch ein rückwärtsfahrendes Kfz beim Anfahren oder Rangieren verursacht.

Schließlich korreliert auch die Smartphone-Nutzung der Fußgänger mit dem Unfallgeschehen: Wie die Studie zeigt, schreiben oder tippen 43 % der Befragten zumindest hin und wieder beim Gehen.

Dabei erhöht die Nutzung elektronischer Geräte die Wahrscheinlichkeit für einen Fußgänger, einen Unfall zu erleiden. Speziell beim Musikhören steigt das Risiko um mehr als das Vierfache, beim Texten um das Doppelte.

Neue Impulse in Fahrzeugtechnik notwendig

Generell wird dem Thema Fußverkehr in der öffentlichen Diskussion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, so sind Experten unterschiedlicher Fachbereiche überzeugt.

Fahrzeugtechnisch sollte die Fußgängererkennung mittels Sensorik und ein automatisches Notbremsen rascher vorangetrieben, ablenkende Technik beim Anfahren unterdrückt und die Wahrnehmungssicherheit (Sicht nach hinten) verbessert werden, erklären die Studienautoren.

Im Bereich Infrastruktur plädieren sie unter anderem für mehr Geschwindigkeitsbeschränkungen in potenziellen Risikozonen, verbesserte Schutzzonen oder längere Grünphasen bei Ampeln.

Wölfl abschließend: „Trotz guter Erfolge in den vergangenen Jahren weist das Thema Fußgängersicherheit noch erhebliches Verbesserungspotenzial auf. 4.000 verletzte und in manchen Jahren bis zu 70 getötete Fußgänger in Österreich können und dürfen nicht einfach hingenommen werden.“


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