Wie soll sich „das mit den Pensionen“ ausgehen? (Teil 2)

Lesen Sie hier ein Interview mit Österreichs wohl anerkanntestem Pensionsexperten, Prof. Dr. Bernd Marin (Jahrgang 1948). Im Gespräch erklärt er, warum Österreich heute eine der längsten Ruhestandszeiten weltweit hat, und dass die Rentendauer „sozialverträglich“ an die Beiträge angepasst werden muss.

Prof. Dr. Bernd Marin ist Österreichs bekanntester Pensionsexperte, er steht dem „Europäischen Bureau für Politikberatung und Sozialforschung Wien“ vor (www.berndmarin.eu).

Im Gespräch skizziert er, was wir von den Skandinaviern lernen können, und wie ein „nachhaltiges Pensionssystem“ aussieht.

Herr Prof. Marin, was bedeutet das für eine Volksökonomie, wenn die Schere zwischen Pensionsantrittsalter und Lebenserwartung immer weiter auseinanderklafft?

Rein mechanisch bedeutet es die Zunahme der Ruhestandsdauer. Das ist grundsätzlich in Ordnung, wenn man den Zuwachs an Wertschöpfung nicht bloß in Geld, sondern auch in (Frei-)Zeit und anderen Sozialrechten auszahlen will, wofür viel spricht.

Problematisch wird es allenfalls, wenn statt einem ausgeglichenen Mix in den Leistungsmodalitäten Extreme dominieren.

Haben Sie bitte ein konkretes Beispiel?

In Dänemark wurde etwa bereits festgelegt, dass die Pensionsbezugsdauer bis Ende des 21. Jahrhunderts 15 Jahre nicht überschreiten soll.

Daher darf der ab Juli 2018 geborene Jahrgang erst im Jahre 2095 mit 77 Jahren in die Rente gehen, Millenial-Berufsanfänger mit 75, heute 35-Jährige mit 73. Das ist zwar nachhaltig, aber unnötig einseitig und strikt – und unsicher in der Prognostik.

Viel problematischer ist freilich das gegenteilige österreichische Extrem, alle Langlebigkeitsgewinne ausschließlich in freier Zeit und d.h. de facto zu Lasten der Pensionshöhe und Pensionssicherheit auszuzahlen.

In Schweden hingegen gibt es überwiegend geldwerte und zu einem Drittel auch zeitwerte Leistungen, also bessere Pensionen und längere Bezugsdauer.

Was ist so „anders“ an den heimischen Verhältnissen?

Das heimische Extrem ist umso weniger plausibel und nachhaltig, als Österreich erstens schon heute eine der längsten Ruhestandszeiten weltweit hat; zweitens die Rentenbezugsdauer sich in den letzten Jahrzehnten nicht nur für Männer verdoppelt und Frauen gleich stark zugenommen hat; sondern drittens sogar noch stärker gewachsen ist als die Lebenserwartung selbst.

So weiter zu tun – ohne die zusätzlichen 80 bis 109 Tage jährlich automatisch in die Pensionsformel zu integrieren – führt daher unvermeidlich in ein Fiasko.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus dem „Geschlechter-Gap“, wenn Frauen also tendenziell älter werden?

Frauen werden immer und überall älter als Männer. Aber erstens sinkt der Langlebigkeitsvorsprung allmählich.

Und zweitens ist er sehr unterschiedlich groß. Denn die Kluft an Lebenserwartung zwischen durchwegs kurzlebigeren Männern und langlebigeren Frauen ist dennoch kein ehernes Naturgesetz.

Empirisch variiert sie zwischen nur einigen wenigen Jahren in Israel bis zu fast eineinhalb Jahrzehnten in Russland oder Weißrussland.

Was sind daher die Folgen?

Nach Maßgabe dieser sehr starken Länderdifferenzen geschlechtsspezifischer Sterblichkeiten kommt es – bei Verwendung geschlechtsneutraler „Unisex“-Sterbetafeln – zu einer Umverteilung von kurzlebigeren Männern zu langlebigeren Frauen.

Einen ähnlichen Umverteilungseffekt haben auch alle Maßnahmen, die grundsätzliche alle Eltern, praktisch aber fast immer Frauen für familienbedingte Berufsunterbrechungen, Teilzeitbeschäftigung, niedrigere Gehälter oder flachere Lebenseinkommenskurven, Hinterbliebenenstatus durch Verwitwung usw. kompensieren wollen.

Das erklärt das vermeintliche Paradox, dass Frauen in Österreich derzeit durchschnittlich 37 % (und bestimmte Jahrgänge bis über 50 %) weniger monatliche Pension erhalten („gender pension gap“) und sehr viel häufiger von Armut und Armutsgefährdung bedroht sind, gleichzeitig aber zigtausende Euro mehr an Lebenspensionssumme („lifetime pension wealth“) bekommen als Männer.

Auch im Vergleich mit anderen OECD-Ländern: Die Pensionsdauer ist selten so lange wie in Österreich. Welche politischen Konsequenzen müsste man hieraus ziehen? Wie ließe sich unser Pensionssystem fürderhin – „besser“ – finanzieren?

Eine Konsequenz ist unabdingbar: Solange unser Pensionssystem nicht endlich nachhaltig ist, kann eine weitere Verlängerung des Ruhestands nicht einmal erwogen werden.

Vielmehr muss sogar die Rentendauer sozialverträglich an die Beiträge angepasst werden, um schmerzliche Pensionskürzungen und breite Altersarmut zu vermeiden.


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